Denkschrift Astronomie

Die Denkschrift Astronomie "Status und Perspektiven der Astronomie in Deutschland 2003-2016", wurde am 26.11.2003 in Berlin vom Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Professor Ernst-Ludwig Winnacker, und Professor Günther Hasinger, Direktor am MPI für extraterrestrische Physik in Garching im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt.


Zusammenfassung einiger wichtiger Aspekte der Denkschrift Astronomie

Der Rat Deutscher Sternwarten hat in einer mit der DFG abgestimmten Denkschrift die Fortschritte der Astronomie dargestellt und die wichtigsten Richtungen der Entwicklungen der kommenden 10 bis 15 Jahre abgeschätzt. Neben wissenschaftlichen und instrumentellen Entwicklungen werden in dieser Denkschrift auch die Rahmenbedingungen dazu in Deutschland beleuchtet. Einige der für die Situation der deutschen Astronomie, speziell an Universitäten relevanten Aspekte der Denkschrift werden hier zusammengefasst.

(1) Die großen Herausforderungen an die fundamentale Physik kommen aus der Astronomie

Die Astronomie hat traditionell eine führende Rolle bei der Erschließung neuer physikalischer Erkenntnisse und weitergehender Fragestellungen. Historische Beispiele gibt es zahlreich, angefangen mit der Newtonschen Gravitationstheorie mittels der Keplerschen Gesetze. Ganze Teilgebiete der Physik, etwa die Plasmaphysik und die Kernfusion, wurden aus der Astrophysik begründet. Diese Entwicklung setzt sich verstärkt in die Gegenwart fort; die Aufklärung des solaren Neutrino-Problems hat den Nachweis der endlichen Ruhemasse der Neutrinos und des Phänomens der Neutrino-Oszillationen erbracht. Der astrophysikalische Nachweis der Existenz nicht-baryonischer Kalter Dunkler Materie erfordert die Erweiterung der Standardmodells der Elementarteilchenphysik. Die von Null verschiedene Vakuumsenergiedichte (oder `Dunkle Energie') stellt wohl die z.Zt. größte Herausforderung an die fundamentale Physik dar; diese wird sich vermutlich auf absehbare Zeit nur mittels der beobachtenden Kosmologie erproben lassen.

(2) Die Astronomie befindet sich in einer Goldenen Phase von Entdeckungen

Bedingt durch die enorme gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der Leistungsfähigkeit von Teleskopen und Detektoren befindet sich die Astronomie in einer Phase großer Entdeckungen und Durchbrüche. Die bahnbrechenden Entdeckungen der letzten Dekade (Entdeckung extrasolarer Planeten, Identifikation der Gamma-Ray Bursts, Entdeckung von Galaxien und Quasaren bei einer Epoche des Universums, als dieses nur etwa 10 Prozent des heutigen Weltalters hatte, die beschleunigte Expansion des Universums, Entdeckung Schwarzer Löcher in Galaxienkernen) sind bedingt durch die gewaltigen Fortschritte der Instrumentierung, wie etwa dem Hubble Space Telescope, den 8-Meter Klasse Teleskopen (wie dem VLT der ESO) und den Röntgenobservatorien XMM und Chandra. Es ist abzusehen, dass sich diese Entwicklung weit über die jetzige Dekade hinaus fortsetzen wird. Neue Fenster der Beobachtung, wie etwa die Gravitationswellenastronomie, werden dann zu völlig neuen Erkenntnissen führen.

(3) Die Astronomie erfährt ein starkes Interesse in der Öffentlichkeit

Die Entdeckungen der Astronomie finden in der Öffentlichkeit breites Interesse. Astronomie ist in den öffentlichen Medien wesentlich stärker vertreten als die gesamte restliche Physik. Die Kosmologie als Wissenschaft vom Universum als Ganzes, sowie die Prozesse der Entstehung von Sternen und ihrer Planetensysteme sind eng verbunden mit den Ur-Fragen der Menschheit, nämlich denen nach unserer Herkunft und Entwicklung. Die Astronomie bietet somit einen natürlichen Zugang der Öffentlichkeit zu naturwissenschaftlichen Fragestellungen und ist zweifelsohne ein wichtiger Attraktionspunkt für Studierende der Physik. Somit spielt die Astronomie eine wichtige Rolle für die Gewinnung des dringend notwendingen naturwissenschaftlich-technischen Nachwuchses.

(4) Die in internationalen Kooperationen getätigten Investitionen Deutschlands für die Astronomie sind beträchtlich

Der Bedeutung der Astronomie wird durch erhebliche finanzielle Unterstützung Rechnung getragen. Die öffentliche Hand finanziert astronomische Forschung und Lehre an Universitäten, Max-Planck-Instituten, Instituten der Leibniz-Gesellschaft und Landesinstituten. Die Förderung von Projekten durch die DFG und das BMBF ist speziell für Universitätsinstitute von größter Bedeutung. Im investiven Bereich bilden die deutschen Beiträge an die internationalen Organisationen wie ESA und ESO den Hauptanteil, der sich aus dem BSP der Mitgliedsländer errechnet. Diese internationalen Organisationen garantieren deutschen Astronomen den Zugang zu weltweit führenden Observatorien.

(5) Deutschland ist personell im weltweiten Wettbewerb in der Astronomie zu schlecht positioniert

Die finanzielle Unterstützung der Astronomie in Deutschland, bezogen auf die Einwohnerzahl, ist vergleichbar mit der in Großbritannien, während Italien, Frankreich und die USA jeweils 18%, 29% bzw. 51% mehr aufwenden. Die personelle Situation innerhalb der deutschen Astronomie ist im Vergleich zu diesen Ländern ungenügend. Beispielsweise nimmt Deutschland in der Anzahl der Mitglieder in der International Astronomical Union, bezogen wiederum auf die Einwohnerzahl, einen Platz im unteren Drittel ein, deutlich etwa hinter den oben genannten Ländern. Während andere Länder der starken wissenschaftlichen Entwicklung durch eine Erhöhung des Personalstands Rechnung getragen haben (zwischen 1994 und 2001 nahm z.B. die Zahl permanent beschäftigter Astronomen in Großbritannien um 24% zu), ist die Zahl der Astronomie-Planstellen in Deutschland heute beinahe unverändert gegenüber 1987 in Westdeutschland - trotz einer um ca. 35 Prozent angestiegenen Bevölkerung. Den 472 Planstellen in der deutschen Astronomie stehen 720 permanent besetzte Stellen in Frankreich gegenüber. Die personelle Schwäche der deutschen Astronomie bedingt einen im Vergleich zu den Investitionen zu geringen wissenschaftlichen Ertrag und eine ungenügende Repräsentanz deutscher Astronomen in den Führungsgremien der internationalen Organisationen (ESA, ESO).

(6) Die Astronomie in Deutschland ist personell gegenüber anderen Bereichen der Physik völlig unterrepräsentiert

Ein weiterer Indikator für die personelle Schwäche der deutschen Astronomie ist ihre im internationalen Vergleich völlige Unterrepräsentanz innerhalb der Physik. Diese lässt sich ablesen aus dem Anteil der Astronomie-Professuren innerhalb der Physik (an Universitäten ca. 3,5%, insgesamt weniger als 7% - verglichen etwa mit knapp 30% in Großbritannien), sowie dem Anteil der Astronomie-Promotionen innerhalb der Physik (knapp 6%, verglichen mit dem EU-Durchschnitt von ca. 18% oder dem entsprechenden Anteil von 18% in den USA). Astronomen sind nur unzureichend in den Führungs- und Entscheidungsgremien der deutschen Wissenschaftsorgane vertreten. Obwohl die wissenschaftlichen Erfolge der deutschen Astronomie nachweislich konkurrenzfähig sind, ist das Potential nicht ausreichend ausgeschöpft. Insbesondere wäre die deutsche Astronomie ohne die besondere Förderung der Max-Planck-Gesellschaft längst auf internationales Mittelmaß gesunken.

Die stark erhöhte Bedeutung der Astronomie innerhalb der Physik wurde im Gegensatz zu anderen Forschungsnationen an deutschen Universitäten bei deren Strukturplanung nicht berücksichtigt.

So ist die Astrophysik nur etwa an einem Drittel der Universitäten vertreten, die Physiker ausbilden. Ganze Bundesländer (wie etwa Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen) sind Astronomie-frei. Insbesondere ist die Ausbildung von Physiklehrern ohne Einbeziehung der Astronomie besorgniserregend.

Fazit

Die Denkschrift äußert die tiefe Besorgnis über die gegenwärtige personelle Situation der Astronomie in Deutschland und appelliert nachdrücklich an alle Entscheidungsträger der Wissenschaftsförderung, die Bedeutung und die Belange der Astronomie stärker als bisher zu berücksichtigen.